Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 94 Geschichtsschreibung in Hessen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart Brüche - Kontinuitäten - Perspektiven MARBURG 20 24 GESCHICHTSSCHREIBUNG IN HESSEN VOM 19. JAHRHUNDERT BIS ZUR GEGENWART BRÜCHE - KONTINUITÄTEN - PERSPEKTIVEN Vorträge der Tagung anlässlich des 1l5jährigen JubiJäums der Historischen Kommission für Hessen vom 4. bis 5. November lOll in Marburg herausgegeben von Holger Th. Gräf, Andreas Hedwig und Alexander Jendorff MARBURG 2.02.4 Gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst HESSEN Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar Geschichtsschreibung in Hessen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart Brüche - Kontinuitäten - Perspektiven Vorträge der Tagung anlässlich des 125jährigenJubiläums der Historischen Kommission für Hessen vom 4. bis 5. November 2022 in Marburg herausgegeben von Holger Th. Gräf, Andreas Hedwig und Alexander Jendorff Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 94 Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme. Gestaltung, Satz: Tom Engel, Ebsdorfergrund-Roßberg Gesamtherstellung: BELTZ, Bad Langensalza Printed in Germany © 2024 by Historische Kommission für Hessen 35037 Marburg ISBN: 978-3-942225-58-8 Historische Kommission für Hessen 1897 V Inhalt Vorwort ... . . . . . .... . . . . . . ... ... . . . . .... . ... . ... . . . .. . . . ......... . . . ..... VII von Andreas Hedwig Die Historische Kommission für Hessen - alimentierte Staatshistoriografie? . . . ...... . .. ..... . .. . ........... . . . .. . . . .. . Clio hassiaca und ihre » unpolitischen « Priester in Hessen. Inhalte, Interessen und Strategien in der Landesgeschichtsschreibung der Modeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 von Holger Th. Gräf und Alexander Jendorff Der Staat Preußen und die Historische Kommission für Hessen und Waldeck .... .. ... . ................................ . ..... . . . . .. . .. . ... 52 von Ulrich Hussong Neubeginn nach 1945? Kontinuitäten und Diskontinuitäten . . .... . .... . .... . . 79 von Andreas Hedwig Gelehrte und Geschichte - Akteure der Landesgeschichte oder Konstrukteure von Landesidentitäten? ........... . ..... .. ....... . . ... 105 Das Vermächtnis eines hessischen Patrioten. Friedrich Wilhelm Strieder und seine Grundlagen einer hessischen Gelehrten- und Schriftstellergeschichte ...... . . . .... .. .... . ... . .. . . . .. . . . . ... . . .... . . . . . . . 106 von Brigitte Pfeil Vergewisserung zur rechten Zeit? Universitätsgeschichte und Universitätsjubiläen .... ..... ... .. ... . ..... . . .. . ... . . ... . .. ... . ...... . .... 128 von Katharina Sehaal Bau- und Kunstdenkmäler - manifestierte Landesidentität? . ... . . . .... . ... 140 Zu Motiven, Motivationen und Methodenfragen Friedrich Bleibaums - Seine Forschungen zu Barock und Rokoko aus der Zeit von 1914-1933 .... . .......... .. ............... . ... . ........... 150 von Martina Sitt INHA LT Hessisches Denkmalinventar im Wandel . .. . . . .. . ..... . ..... . .. ... .... . .... 165 von Ulrich Klein Dynastien und Egodokumente - Eliten- oder Sozialgeschichte? . .. ...... . .. 185 Das Archiv als geschichtswissenschaftlicher Großbetrieb - Preußische und hessische Archivare als historiografische Akteure der Haus- und Dynastiegeschichte und das Politische Archiv Philipps des Großmütigen ... . . ... . .... . .. . ......... . .. . . .... .. ... .... .... 186 von Philip Haas Von Landgraf. Hofdame und Hessians - Quelleneditionen frühneuzeitlicher hessischer Selbstzeugnisse in der modernen Geschichtswissenschaft . . ............. .. .. . .......................... . .... 221 von Markus Laufs Felder der Historiografie - essentiell oder trendig? ..... . . .. . .. .. ... . . .. . .. 247 Die Erforschung der jüdischen Geschichte in Hessen - Zur Entwicklung einer teils eigenständigen, teils integrativen Historiografie .................. .. . . . . . . .. ... .. . .. .. . ..... . . .. .... .. .. . . . 248 von J Friedrich Battenberg Gender matters. Landesgeschichte und Geschlechtergeschichte - eine Beziehung mit großer Zukunft .......... . .. . .. . ... . .. . ................ 284 von lnken Schmidt-Voges Hessische Demokratiegeschichte 1919-2000 - ein Überblick ..... ... .... .... 298 von Theo Schiller Regionale Zeitgeschichte - Landeszeitgeschichte - politisierte Rechtsprechung .. . .................. ... ................... .. .... .. . .. ... 331 von Peter Steinbach Abkürzungen und Siglen ....... . ............... .. ....... .. . . ....... . .. ... 366 Autorinnen und Autoren ...... . .. .. ... . ...... . ... .. .... ... ............... 370 Das Vermächtnis eines hessischen Patrioten. Friedrich Wilhelm Strieder und seine Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schri~steller Geschichte von Brigitte Pfeil WER HESSISCHE LANDESGESCHICHTE BETREIBT, der kommt am »Strieder« nicht vorbei und hat ihn sicherlich schon das ein oder andere Mal auch mit Gewinn benutzt. Zudem zählt »Der Strieder« ganz offensichtlich zu jenen gewissermaßen kanonischen Werken, die scheinbar keinen Titel besitzen, sondern bei denen allein die Nennung des Autor- oder Herausgebernamens genüge, um die einschlägig For­ schenden wissend mit dem Kopf nicken zu lassen. Man kennt und nutzt in der For­ schung also selbstverständlich » den Scrieder«, ohne dass dieser selbst bislang zum Forschungsgegenstand geworden wäre. Es ist also an der Zeit, dem Entstehungshin­ tergrund der Hessischen Gelehrten-Geschichte im Folgenden einmal nachzugehen. Mein Leben ist ein Gewebe von Schicksalen, so beginnt Friedrich Wilhelm Scrieders ausführliche Autobiografie im achtzehnten Band seiner Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte. 1 Und auch wenn sich dieses Dictum auf Scrie­ ders eigenes Leben bezieht, so trifft es doch ebenso gut auf seine monumentale Ge­ lehrten-Geschichte zu. Diese entpuppt sich bei näherem Hinsehen nämlich als proso­ pografische »Wundertüte«, die den Forschenden immer wieder dazu verführt, den Hauptartikel zu verlassen, um in die damit verflochtenen, teils äußerst ausführlichen Biografien weniger berühmter Vorfahren und Zeitgenossen einzutauchen, die in den Fußnoten enthalten sind. Doch hierzu später. Friedrich Wilhelm Strieder, geboren am 12. März 1739 in Rinteln, wuchs - so ist t Friedrich Wilhelm STRIEDER: Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte seit der Reformation bis auf gegenwärtige Zeiten, 18 Bde., Göttingen, Kassel u. a. 1781-1831. lm Folgenden in den Fußnoten als HGSG. Hier HGSG, Bd. 18, S. 453-481, 453. DAS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRIEDER 107 es seiner Autobiografie zu entnehmen - mit drei Brüdern in bürgerlichen und bildungsaffinen, jedoch desolaten familiären Verhältnissen auf Er selbst sprach vom verwirrten Zustande der häuslichen Situation und gestörte[m] Hausftiede[n], 2 den auch die Mutter (Tochter eines Buchdruckers aus dem nahegelegenen Minden) weder finanziell noch emotional kompensieren konnte. Sein Vater, ein aus Speyer stammen­ der gelehrter Buchdrucker,3 hatte in Rinteln eine Zeitlang durchaus erfolgreich die Universitätsbuchhandlung betrieben, bevor er aufgrund seiner geschäfi:lich wenig er­ folgreichen Tätigkeit als Verleger und infolge seiner wachsenden Trunksucht immer stärker in eine existentielle Abwärtsspirale geraten war. 4 Die desolate häusliche Situa­ tion und die Erfahrung sozialer Ausgrenzung aufgrund seiner Herkunft: scheinen Friedrich Wilhelm Strieder tief verletzt und geprägt zu haben. So beklagte er, in seiner Jugend immer wieder äußere Achtung gegen sich vermisst zu haben, weil mir Armuth und Schmach so stark entgegen eilten. 5 Erst dreizehnjährig schrieb Strieder sich im Herbst 1752. an der Universität Rinteln ein. Dort hörte er Vorlesungen verschiedenster Professoren, um seinem Berufsziel - er wollte ursprünglich Landpfarrer werden - näher zu kommen. Parallel dazu unter­ stützte er den Vater intensiv bei Bücherauktionen. Schon früh verließ Strieder aller­ dings sein Elternhaus und bewohnte ein Stipendiaten-Zimmer der Rintelner Univer­ sität in der Stadt. Beim Einzug quartiersuchender Franzosen verlor er 1757 diesen Rückzugsorc, was ihn zutiefst empörte und wohl auch mit ein Grund für seine spätere extreme Ablehnung der »Franzosenherrschafi:« in Kassel war. Mit gerade einmal 18 Jahren floh er daraufhin zum Militär, kämpfi:e im Siebenjährigen Krieg und kam schließlich nach Hofgeismar in Garnison.6 Nach seiner Militärzeit fand er Ende 1765 - nach einem kurzen Intermezzo in der hessen-kasselischen Finanzverwaltung - An­ stellung als Registrator in der Landesbibliothek, die damals von Johann Arckenholtz geleitet wurde.7 Damit begann dann wohl auch seine erneute intensivere Beschäf­ tigung mit hessischem Schrifi:tum, die durch den Eintritt ins Militär unterbrochen worden war. 8 2 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 455. 3 Er immauikulierte 1730 in Tübingen, vgl. Albert BüRK, Wilhelm WILLE (Bearb.}: Die Mauikeln der Uni­ versität Tübingen, Bd. 3: 1710-1817, Tübingen 1953, S. 77: (1730]: Ruprecht Weniger aus St. Gallen in der Schweitz, Nicolaus Strieder gebürtig in Speyer, zwey Buchdrucker. 4 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 454 f. S HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 457, und ebd. Sehr kränkend war esfor mich, wenn ich bemerkte, daß man dat: non procul a proprio stipite poma cadunt, auf mich anzuwenden schien. 6 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 460. 7 HGSG (wie Anm. 1}, Bd. 18, S. 463. 8 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 7. 108 BRIGITTE PFEIL Inspiriert worden war Scrieder zum Projekt einer Gelehrten- und Schriftsteller-Ge­ schichte seines hessischen Vaterlandes, so erzählt er es selbst in der Vorrede zum ersten Band der Gelehrten-Geschichte, bereits als Jugendlicher durch einen Brief Philipp Melanchthons an Leonhard Crispinus, in dem dieser seine hohe Wertschätzung der Hessen artikulierte: 9 Diese Zeilen aus der Feder eines so grossen Mannes [ ... ] feuerte[ n] das Fünkgen der Liebe zur Litterärgeschichte des "Vatterlandes so an, daß sie mich gleich­ sam jugendlich stolz ganz einnahm. 10 Ein gutes Jahrzehnt später sah er sich als neuer Bibliotheksmitarbeiter dann offenbar gleichsam genötigt [ ... ] den Trieb von neuem in mir rege zu machen, der mich vormals mit Lust beseelt hatte, um seine Wissenslücken in der Litterärgeschichte überhaupt und insbesondere der des "Vatterlandes zu füllen und sich so notwendiges und nützliches Spezialwissen für seine Arbeit in der Bibliothek zu erwerben. 11 Man darf vermuten, dass Friedrich Wilhelm Strieder in den ersten rund zehn Jah­ ren seiner Tätigkeit in der Bibliothek nicht allzu viel Zeit auf sein Projekt verwenden konnte, da er neben d-.:r mäßig entlohnten Tätigkeit als Registrator auch noch als Expedient der Kasselschen-Fescungs-Demolitions-Kommission und Sekretariatsver­ walter der Karlshafer-Handlungs-Kompagnie sowie kurzzeitig als Herausgeber der Kassel'schen politischen und gelehrten Zeitung fungierte. Das deutlich besser dotierte Amt des Bibliothekssekretärs, in das er im Oktober 1776 einrückte, dürfte ihm dann die nötigen Spielräume verschaffi: haben, um sein ehrgeiziges Buchprojekt voranzu­ treiben.12 So schrieb Strieder am 30. November 1781 an den Bibliothekar und Regie­ rungsrat Otto August Wegener13 in Hanau: Meine Absicht ist auf eine allgemeine He­ ßische Gelehrten Geschichte gerichtet, worauf ich seit einigen Jahren gesammelt habe und womit ich mich nunmehro ernsthafter zu beschäftigen gesonnen wäre. 14 Der Beginn sei­ ner intensiveren Beschäftigung mit der Gelehrten-Geschichte bleibt in der Autobiografie zeitlich eher unbestimmt. Die von ihm dort erwähnte Dienstunfähigkeit infolge einer schweren Gichterkrankung und die nachfolgende längere Rekonvaleszenz, die er nach 9 HGSG (wie Anm. 1), Vorrede S. s f. Vgl. Christine MUNDHENK, Heidi HEIN,Judith STEINIGER (Bearb.): Melanchthons Briefwechsel: kritische und kommentierte Gesamtausgabe, Bd. T 8, Stuttgart-Bad Cannstatt 2007, S. 64f. (Nr. 2006), II.03.[1538]. 10 HGSG (wie Anm. ,), Bd. 1, Vorrede S. 6. Vgl. auch Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 2.15/85 (Ankündigung einer Heßischen Gelehrten Geschichte, 2.8.03.17 80 ): So war es bey mir eine über­ wiegende Neigung, und, ich darf es sagen, unajfektierter Patriotismus zugleich, da ich Materialien zu einer Ge­ schichte der Hef!'ischen Gelehrten zu sammlen anfing. 11 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 7 f. 12 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 464 f. 13 Zu seiner Person vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 469 f. 14 Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 2.15/ 83 (30.11.1 781). DAS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRIEDER 109 eigener Aussage zur Konzeption seiner hessischen Gelehrten-Geschichte nutzte,15 lässt sich jedoch auf Basis von Strieders Bericht über de Luchets Zeit in der Bibliothek auf den Zeitraum vom 8. Januar bis zwn 20. März 1780 datieren. 16 Ende März 1780 verfasste Strieder eine Ankündigung einer Heßischen Gelehrten Geschichte, die in den Monaten darauf in den Gothaischen Gelehrten Zeitungen, dem Hanauischen Magazin, sowie als Beilage in den Neuesten Religi,onsbegebenheiten ( Gie­ ßen) und im Giittingi,schen Magazin der Wissenschaften und Literatur erschien.17 Auf vier Seiten erläuterte er hierin seine Motivation sowie die Konzeption des Werkes, ging auf dessen Quellengrundlagen ein und warb sowohl um Beiträger als auch um Pränummeranten (Subskribenten).18 Für die Seriosität seiner Unternehmung bürgte eine längere Liste von Förderern und Unterstützern, von denen die meisten dem Um­ feld des Collegiwn Carolinum zugeordnet werden können. 19 Etwa ein Jahr später war es dann soweit. 1781 erschien der erste Band der Grund­ lage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte seit der Reformation bis auf gegenwärtige Zeiten bei der Banneiersehen Buchdruckerei in Göttingen und beim Cramerischen Buchladen in Kassel.20 Dort folgten bis 1788 sieben weitere Bände im Jahrestakt, bevor - verbunden mit einem Verlagswechsel - der Erscheinungsrhythmus sich verlangsamte und 1806 mit Band 15 (beim Artikel Steuber) vorläufig ganz ins Sto­ cken geriet. Damit endete auch die Herausgeberschaft Strieders. Band 16 (1812) ver­ antwortete auf seinen Wunsch hin der Marburger Theologe und Historiker Ludwig 15 HGSG (wie Anm.,), Bd. 18, S. 467' Eine schmerzliche Gichtkrankheit heftete mich auf's Lager, und verur­ sachte ein volles Vierteljahr hindurch eine gänzliche Unthätigkeit in meinem Amte[ ... ]. Der Gefahr entronnen, bedurfte ich zur Erlangung von Kräften auch einige Zeit; diese verwendete ich dann hauptsächlich dazu, daß ich den Plan zu der hessischen Gelehrten-Geschichte reiflicher durchdachte, und mich damit hervorwagte. 16 Vgl. Friedlich Wilhelm STRI ED ER: Ein Beitrag zur Geschichte der Museums-Bibliothek in Kassel, in: ZH G s (1850), S. 309-343, bes. S. 337f. (Abdruck nach dem Manuskript der UB Marburg, Ms. 307 ). Dasselbe auch Karl BERNHARD! (Hg.): Die »Revolution der Casselschen Bibliothek« in dem Jahre 1779, Kassel 1850. 17 Nachlass Strieder (wie Anm. w), Ms. 2.15/85. 18 Ebd.; vgl. hierzu auch die Erinnerung an die zuende gehende Frist zur Pränummeration in der Casseli­ schen Polizey- und Commerzien-Zeitung (CPZ) 42..1780, vom 16.10.1780 (S. 631), 43.1780, vom 2.3.10.1780 (S. 646) und 44.1780, vom 30.10.1780 (S. 659 f.). 19 Nachlass Strieder (wie Anm. w), Ms. 2.15/85: Kriegsrat [Christian Conrad Wilhelm] Dohm (Berlin), Buch­ händler Cramer (Kassel), Rechnungsjustifikator [Christian Ludwig Albrecht] Möller (Darmstadt), Hofrat [Jo­ hann Conrad] Deinet (Frankfurt a. M.), Regierungsrat Prof Dr. [Julius Ludwig Friedlich] Höpfner (Gießen), Prof [Jeremias Nicolaus] Eyring (Göttingen), Archivar [Johann Adam] Bernhard (Hanau), Rat [Christian Friedlich] Helwing (Lemgo),Justizrat [Franz Benjamin] Ries (Marburg), Rathsskabinus Bührmann (Rinteln), Pfarrer (Wilhelm Hel&ich] Ebenau (Nochern), Dr. med. [Bernhard Christoph] Faust (Rotenburg), Konrektor [Johann Martin Friedlich] Keppel (Schmalkalden). 20 Er hatte das in der Ankündigung postulierte Ziel erreicht, seine Sachen gedruckt zu sehen, vgl. Nachlass Strieder (wie Anm. w), Ms. 2.15/85: Nicht Autorsucht, sondern aufrichtige Bewegungsgründe[ ... ] bestimmen mich gleichwohl noch immer für den Wunsch, die Zeit und Mühe nicht umsonst verwendet zu haben, um ein nüzlicher Handlanger in der Gelehrtenrepublik zu werden, mithin meine Sachen gedrukt zu sehen. 110 BRIGITTE PFEIL Wachler. Nach dessen Wechsel an die Universität Breslau übernahm der bekannte Theologe Karl Wilhelm Justi die Herausgabe des noch fehlenden alfabetischen Ban­ des 17 sowie des abschließenden achtzehnten Ergänzungs- und Registerbandes. Damit war nach genau fünfzig Jahren Strieders Großprojekt abgeschlossen.21 Die Fortset­ zungenJustis und Gerlands, die zwischen 1831 und 1868 erschienen, trugen zwar Strie­ ders inzwischen hochangesehene Gelehrten-Geschichte im Namen, setzten jedoch neue, eigene Akzence.22 Beschäftigen werden uns hier allerdings nur die ersten 18 Bände, die weitestgehend Scrieders Handschrift tragen. Doch zurück zu den Anfangen der Gelehrten-Geschichte und der Frage, wie es Strieder gelang, ein so umfangreiches Werk, das dem Register in Bd. 18 zufolge über 3.000 Biografien (darunter von 15 Frauen) enthält,23 innerhalb doch relativ kurzer Zeit zu­ stande zu bringen? Strieder selbst beantwortet uns diese Frage in seiner Ankündigung und den Vorreden der Gelehrten-Geschichte mit Verweis auf nicht näher spezifizierte Quellen zur vatterländischen Gelehrtengeschichte24 sowie vor allem Johann Christoph Kakkhoffs Collectaneen und Fragmenta 25 und Conrad Geisthirts Schmalcaldia lite- 21 Bd. 1-4 erschienen 1781-1784 in Göttingen: Barmeiersche Buchdruckerei und in Commission in Kassel: Cramerischer Buchladen, Bd. 5-8 (1785-1788) dann nur noch in Commission beim Cramerischen Buch­ laden. Die weiteren Bände erschienen im Verlag des Hofbuchhändlers J.H.G. Griesbach in Kassel: Bd. 9 (1794), 10, (1795), 11 (1797), 12 (1799), 13 (1802), 14 (1804), 15 (1806). Danach wechselte der Druck von Band 16 (1812) an nach Marburg, erst zur Akademischen Buchhandlung, dann für Band 17 (1819) und 18 (1831) zur Bayerhoffer'schen Universitätsbuchdruckerei. - Geplant waren ursprünglich offenbar weniger Bände, Strieders enge Schrift führte anfänglich jedoch zu Fehlkalkulationen hinsichtlich des Druckumfangs, vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 2, Vorrede S. 8. 22 Karl Wilhelm JUST! (Hg.): Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten-Schriftsteller- und Künstler-Ge­ schichte vom Jahre 1806 bis zum Jahre 1830. Fonsetzung von Strieder's Hessischer Gelehnen- und Schrift­ steller-Geschichte und Nachträge zu diesem Werke, Marburg 1831, Vorrede S. Ill.Justi, entwarf in der Vor­ rede zu HGSG (wie Anm. r), Bd. 18, S. IX-XI, ein Konzept zur Biografik zeitgenössischer Persönlichkei­ ten, die wesentlich auf Autobiografien basierte und listete eine ganze Reihe von Personen und Paaren auf, die ihm bedeutend und künftig berücksichtigenswert erschienen. Der von ihm verantwortete Bd. 19 (1831) enthielt zwar noch einige Nachträge zum Grundwerk, setzte als Gelehrten-Schriftsteller- und Künstler-Ge­ schichu von 1806-1830 auf autobiografischer Basis im Wesentlichen aber neu an. Otto Gerland beschränkte sich darüber hinaus auf das Gebiet Kurhessens und verwies für Hessen-Darmstadt auf Heinrich Eduard ScRIBA (Hg.): Biographisch-literarisches Lexikon der Schriftsteller des Großherzogtums Hessen, 2 Bde., Darmstadt 1831-1843, vgl. Otto GERLAN D (Hg.): Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten-Schriftsteller­ und Künstler-Geschichte von 1831 bis auf die neueste Zeit, Kassel 1863, 1868, Bd. 19, Vorrede S. VI. 23 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, Register S. 525-576. 24 HGSG (wie Anm. 1), S. 9. - Wahrscheinlich handelte es sich hierbei sowohl um angedruckte wiege­ druckte Materialien, vgl. Nachlass Strieder ( wie Anm. 10 ), Ms. 215/85: Wie ich die bereits vorhandenen ge­ drukten Quellen gebraucht, davon mag meine Arbeit selbst zeugen. 25 So schrieb er HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 5: [ ... ] daß der vormalige Heß Rotenburg. Kanzleydi­ rektor Kalckhof über einem dem meinigen gleichen Vorhaben, womit er in die vierzig Jahre umgegangen, ver­ storben sey, und daß ich dessen hinterbliebene Papiere mit der Geduld, die sie erfordern, zu durchgrübeln und DAS VERMÄC HTNIS - FRIEDRICH WILHELM STRIEDER 111 rata, d.i. historische Beschreibung hundert ein und neunzig gelehrter Leute von 1720. 26 Sowohl Kalckhoffs monumentale Sammlungen27 als auch Geisthirts schon druckfer­ tiges Manuskript befanden sich schon zu Friedrich Wilhelm Strieders Zeit in den lan­ desfürstlichen Sammlungen und waren ihm somit seit dem Eintritt in den Biblio­ theksdienst wohl ohne allzu viele Formalitäten zugänglich. Neben diesen bereits vor­ handenen biographischen Materialien suchte und fand Strieder - wie vor ihm schon Kalckhoff bei seinen Vorarbeiten für die Hassia litterata28 - Unterstützung durch an­ dere Geschichtsinteressierte.29 So nannte Strieder ausdrücklich die Regierungsräte Otto August Wegener d.J. in Hanau30 und Franz Benjamin Ries in Marburg31 sowie den Regierungsarchivar Konrad Wilhelm Ledderhose in Kassel.32 Sie unterstützten ihn auch stark bei der Einwerbung von Subskribenten.33 Außerdem gab es offenbar weitere, im Werk ungenannte Materialzuträger, die wie beispielsweise der Pfarrer zu benutzen Gelegenheit gehabt. - Zu Kalckhoff vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 7, S. 9-18. 26 UB/LMB Kassel, 4° Ms. Hass. 99, Druck in: Zs. Henneberg. Gesch. Verein 12 (1894). Vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. r, Anmerkung S. 9. - Geisthins Studien zu Eisenacher Persönlichkeiten, heute in Thüringi­ schen Archiven, scheinen ihm nicht zugänglich gewesen zu sein, da er hierzu keinerlei Angaben im Text macht. Zur Manuskriptüberlieferung vgl. Volker WAHL: Johann Conrad Geisthin (1672 bis 1734). Unter­ suchungen zur Biografie und zum Werk des Schmalkalder Chronisten und Geschichtsschreibers, in: Schatzkammer zwischen Rennsteig und Rhön. 70 Jahre Thüringisches Staatsarchiv Meiningen 1923 bis 1993, S. 105-124, bes. S. 114-121. - Wahl erwähnt mehrfach einen Leipziger Druck der Literata von 1720, der bibliographisch jedoch nicht nachweisbar ist. 27 Diese sind in der UB/LMB Kassel heute über mehrere Signaturreihen des Hand.schriftenbestandes veneilt, so dass es schwierig ist, eine genaue zahlenmäßige Übersicht über den erhaltenen Bestand zu gewinnen. 28 Nachlass Strieder (wie Anm. 10), Ms. 215/85: Er [Kalckhoff) machte dasselbe (Pläne für die » Hassia lit­ terata«] in einer 1707 gedrukten »Epistola ad Patronos & Amicos &c.« bekannt, um sich dadurch Beiträge und Beförderung zu verschaffen [ ... ) daher entstand die geneigteste Willfiihrigkeit an Seiten derer, die Beiträge geben konnten[ ... ] Kalkhof brachte eine ziemliche Menge von Materialien zusammen. 29 So begründete Strieder in der Ankündigung seinen Vorstoß auch damit, dass er bereits Unterstützer ge­ funden hatte, die ihm Biografien zugeliefen hatten, und er sich diesen gegenüber in der Pflicht sah, das Werk zu realisieren. Vgl. Nachlass Strieder (wie Anm. 10), Ms. 215/85. - Vgl. auch Bel. 1, S. 13: Ich muß und darf es wünschen, daß Sie dem Exempel derer beytreten, die Sie in diesem ersten Bande als patriotische Beför­ derer mit ihren beygetragenen Aufsätzen erblicken [ ... ] mögten Sie mich doch würdigen, bey dem Fort- und Aus­ gange mir nun auch Ihre thätige Hand zu reichen! 30 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 11 . Zu ihm vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, Anmerkung S. 469 f. Im Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 215/55-69: Briefe Wegeners an Strieder und Entwürfe einiger Gegenbriefe Strieders ( 1780-1786), befinden sich unter den Briefen Wegeners Listen und Notizen von Strieders Hand aus dem Juli 1780 und 1781 mit Rechercheanfragen, so Ms. 215/zu ss (Teil eines Briefenrwurfs, nach 26.07.1780), Ms. 215/zu S7 (Teil eines Briefentwurfs, nach 17.07.1781). 31 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 12, S. 14 Tafel 4, u.ö. Vgl. auch Ries, Franz Benjamin, in: Hessische Biografie, https ://www.lagis-hessen.de/pnd/ 1179733932 (Stand 2.11.2022). 32 Vgl. Ledderhose, Konrad Wilhelm, in: Hessische Biografie, https ://www.lagis-hessen.de/pnd/116851260 {Stand 19.12.2022) 33 Vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 25 f. So hatte Wegener 40 Pränummeranten geworben, Ries warb 66 und Ledderhose 16 weitere Personen. 112 BRIGITTE PFEIL Adolph Varnhagen (Helsen, später Korbach)34 regen Anteil an Strieders Projekt ge­ nommen und ihn mit Informationen und Korrekturen unterstützt haben. 35 Hinzu kamen Autobiografien noch lebender Persönlichkeiten, die Strieder durch eigene An­ fragen oder über Vermittlung seiner Unterstützer erhielt. 36 Insbesondere in der Vor­ rede des ersten Bandes warb er aber auch noch einmal nachdrücklich um Zuarbeiten und benannte Rinteln, Darmstadt und Homburg als jene Orte, aus denen er sich deutlich mehr Beiträger wünschte. Zudem legte er gegenüber denjenigen, die mit sei­ nem Projekt sympathisierten, die angelegentlichste Bitte ein, mit dem Zusatze, daß mir jeder Beytrag nicht zu .früh kommen kann, wenn er auch zu Folge der alphabetischen Ordnung noch in etwas zum Au:fichub den Schein vor sich hätte. 37 In den noch heute in der Landesbibliothek Kassel erhaltenen biografischen Col­ lectaneen Strieders38 liegen lediglich Materialien zu schätzungsweise 800 bis 850 Per­ soneneinträgen vor (darunter wohl auch solche, die von anderen Zuträgern stammen und Autobiografien),39 weiteres Material aus Strieders Sammlungstätigkeit ging zur Bearbeitung der letzten Bände an Karl Wilhelm Justi.40 Auch wenn somit anzuneh­ men ist, dass Strieder sich in rund zwei Drittel der Fälle aufKalckhoffs und Geisthirts umfangreiche Sammlungen41 gestützt haben dürfte, so ist sein Anteil am Gesamtwerk doch nicht kleinzureden. Hören wir Strieder selbst: Bey meinem erneuerten Forschen also lernte ich denn auch Kalkhofen mit seinem ins Stecken gerathenen Vorhaben kennen: ich lernte sogar seine hinterlassene Materialien davon kennen. [ ... ] Im ganzen nehmen diese Materialien einen ziemlichen Raum ein, und doch, im Einzeln, findet man manch­ mal nichts als einen Fingerzeig. [ ... ] Ich selbst, wenn ich jetzt meine Materialien nehme, und Artikel for Artikel ausarbeiten will dann gebrichts hier, es gebricht da. 42 34 Vgl. https: //de.wikipedia.org/wiki/Johann_Adolph_Theodor_Ludwig_ Varnhagen (Stand 10.03.2.02.3). 35 Vgl. Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 2.15/2.1-44: Briefe Varnhagens an Strieder und Entwürfe einiger Gegenbriefe Strieders (, 7 8 7- , 8 15 ). 36 Die Bereitschaft zur Bereitstellung autobiografischer Texte war aber wohl eher verhalten, vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 14: Eine unter den Schwierigkeiten, die sich meinen Absichten in den Weg l.egen, kann ich nicht umhin zu berühren. Man will zuweil.en darum nicht sagen, wer man ist, wie man gebildet worden, was man mit seinem Verstande, mit seinem Herzen,für Religion und den Staat zu thun Gelegenheit gehabt etc., weil man es mit der Bescheidenheit nicht vereinbaren zu können vermeynt, wenn man selbst davon Sprache halte und damit vorsetz/ich das Ansehen erlange, in einem Archive, wie das meinige ist, eine Stelle einnehmen zu woll.en. 37 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 20. 38 UB/ LMB Kassel, 2.0 Ms. Hass. 150 (1-2.7 (Hessische Gelehrte) und 2.0 Ms. Hass. 151 (1-13 (Hessischer Adel). 39 Da manche der unter den Familiennamen abgelegten Dossiers in 2.0 Ms. Hass. 150 und 2° Ms. Hass. 151 Materialien zu verschiedenen Famüienangehörigen enthalten, wä.re eine genauere Auszählung mit erheb­ lichem Aufwand verbunden. 40 HStAM, Best. 340: Justi, Nr. 549 und 540: ManuskriptJustis für Strieders Gelehnengeschichte. 41 UB/LMB Kassel, 4 ° Ms. Hass. 99 (Schmalcaldia literata), 2.0 Ms. Hass. 54 (1.2. (Abschrift seiner Schmal­ kaldischen Geschichte). DAS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRIEDER Abb. 1: Die Striederschen Collectaneen [Foto: Roy Blender] 113 Strieders genuine Leistung bestand zweifelsfrei in der Ausrichtung und Ausfor­ mung seines Werkes, die sich deutlich unterschied von den räumlich wesentlich weiter ausgreifenden »großen« Vorgängern im Bereich biografischer Gelehrten-Lexika wie beispielsweise die von Christian Gotclieb Jöcher,43 Nicolaus Reusner (Icones sive ima­ gines ), Paul Freher (Theatrum virorum), Louis Moreri (Dictionnaire historique), Jo­ hann Burckhardt Mencke ( Compendiöses Gekhrten-Lexicon) oder Johann Georg Meu­ sel / Georg Christoph Hamberger (Das Gekhrte Teutsch/,and) . Strieder nämlich zielte dezidiert darauf ab, die Schriftstel/,er im Vatter'4nde und deren Publikationen, unab­ hängig vom Grad ihrer professionellen Gelehrtheit und unabhängig davon, wie an­ dere die fachlichen Qualitäten des Behandelten bewerteten, in ausführlichen Artikeln zu dokumentieren44 und führte hierzu u. a. aus: Ich gab Ihnen [den Unterstützern] 42 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 8 f. 43 ZuJöcher und seinen Vorgängern ausführlich: Ulrich Johannes SCHNEIDER (Hg.): Jöchers 60000, ein Mann - eine Mission - ein Lexikon, Leipzig 2008. 44 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 16: Mein Augenmerk ist kein anderes, als Männern ihr Denkmal aufz ubewahren, auf das sie selbst mit ihrer Feder hingewiesen haben. Vom ersten Range können sie nicht alle seyn. 114 BRIGITTE PFEIL erst schriftlich, und nachmals in einer gedruckten Ankündigung zu erkennen, daß mein Plan auf die möglichst ausfohrlichsten Lebensbeschreibungen und Schriftenanzeige der­ jenigen Gelehrten gerichtet sey, die in den gesamten Heßischen Landen seit der Refor­ mation bis auf die gegenwärtigen Zeiten, entweder in öffentlichen Aemtern gestanden haben und noch stehen, oder auch privatisiert haben und noch privatisieren, und dabey Schriftsteller geworden sind, sie mögen sich zu einem oder dem andern Theile der Wis­ senschaften bekannt haben, und, wie sich von selbst verstehet, in oder ausser dem Vatter­ lande zu Hause seyn.45 Interessant dabei ist die den biografischen Artikeln implizite und an den Untersuchungszeitraum angepasste Ausdehnung auf die gesamten Heßi­ schen Lande, also über die Grenzen Hessen-Kassels hinaus auf alle diejenigen Gebiete, die in und nach der Reformationszeit »hessisch« waren bzw. geworden sind. Wie zentral für Strieder der Gedanke des »Hessischen« für sein Werk ist, zeigt auch der kategorische Ausschluss derjenigen gebohrnen Hessen, die nie dem Vatterlande mit ihrer Gelehrsamkeit in Aemtem oder doch Privatleben gedient, sondern ausser demselben mit ihren Talenten gewuchert haben, und für diejenigen die Anlage meiner Arbeit gleich Anfangs nicht gemacht gewesen sei.46 Ähnlich wie bei Jöcher, auf den Strieder sich jedoch an keiner Stelle seiner Vorre­ den bezieht,47 wird das Leben der Protagonisten in den alfabetisch geordneten48 bio­ grafischen Artikeln der Gelehrtengeschichte breiter erzählend beschrieben. Getrieben von einem bemerkenswerten biografischen Sammeltrieb und dem Wunsch, ein blei­ bendes nützliches Werk zu erschaffen, bekannte Strieder: ich muß ihm [ dem Men­ schen] einen Platz geben, in sofern er Gelehrter, in sofern er Schriftsteller ist, hiitte er 45 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 11. - ln vielem abweichend, jedoch ähnlich in seiner räumlichen Konzentration auf die sächsischen Lande ist Friedrich August WEIZ: Das gelehrte Sachsen oder Verzeich­ niss derer in den Churfürstl. Sächs. und incorporirten Ländern jetztlebenden Schriftsteller und ihrer Schriften. Leipzig 1780. Strieder nennt, ebd., dieses Werk neben Meusels Lexikon als vergleichbare zeit­ genössische Publikationen. Doch auch Das gelehrte Teutschland weicht konzeptionell deutlich von Strieders Werk ab, vgl. Das gelehne Teutschland oder Lexicon der jeztlebenden teutschen Schriftsteller, zusammen­ getragen von Georg Christoph HAMBERG ER, Bd. 1, Lemgo 1767-1768, Vorrede: Ich liefere keine Lebensbe­ schreibungen von Gelehrten, sondern mache sie nur ihren Namen, Vaterland, Alter und Stande nach bekant. [ ... ] Da ich mich nur mit Schriftstellern beschäftige, so gehet auch meine Hauptsache auf die Anzeige ihrer Werke. Ebenso Das gelehne Teutschland oder Lexicon der jeztlebenden teutschen Schriftsteller, angefangen von Georg Christoph HAMBERGER, fortgesetzt von Johann Georg MEUSEL. Dritte, durchaus vermehrte und verbesserte Ausgabe, Lemgo 1776, Bd. ,, Vorrede S. X: Was die Einrichtung des Werks betrift, so bin ich den Fußstapfen meines Vorgängers genaugefolget. 46 HGSG {wie Anm. 1), Bd. I, Vorrede S. 17. - Die ebd. angekündigte Publikation zu diesem Personenkreis nach Abschluss der Gelehnengeschichte wurde nie realisiert. 47 HGSG (wie Anm.,), Vorreden in Bd. 1, 2, 3 und 9. 48 Nachlass Strieder (wie Anm. IO ), Ms. 215/85: Mein Sammlen gieng mir von Anfang her am bequemsten von Statten, da ich mir die alphabetische Ordnung erwählte, und eben diese auch in der Ausführung des Werkes bei­ zubehalten, habe ich mehr als einen Grund. DAS V ERM AC HTNIS - FRI EDRICH WILHELM STRIEDER 115 auch nur eine Predigt (so spricht man anjetzo gern) geschrieben. [ ... ] Ich muss leisten, was ich kann, in sofern mich Gründe und Erfahrung bestärken, daß es dem hundertsten wahrhaft nützlich zu seyn oder zu werden vermag, daß es dem Institute im Ganzen sogar vorträglich ist [ .. . ]. 49 Und so strebte er danach, die möglichst vollkommensten Nachrich­ ten, selbst die genealogischen Umsuinde, Verheyrathungen, Ki,nder, nicht ausgeschlossen50 in seinen Artikeln darzubieten. Dies spiegelt sich wider in den zahllosen - mal kür­ zeren, mal längeren - biografischen Nebenartikeln zu Verwandten und Bekannten in Fußnoten oder am Textende, die Strieder als Bausteine einer patriotischen Erinne­ rungskultur verstand: Wenn ich bisweilen, wo ich im Stande dazu bin, etwas mit ein­ fliessen lasse, wodurch das Andenken manches verdienten und gelehrten Mannes, ent- weder erneuert oder neu gestiftet wird [ ... ] so verstatte mir der, der hiebey etwan Weit­ schweifigkeit, und nichts mehr,finden will nur die Entschuldigung[ ... ] man halte das nämlich als eine Zugabe, die dem Vatterlande zu Gefallen angehängt worden. Eben das halte man von den eingeflochtenen genealogischen Umständen [ ... ) . 51 In der Vorrede zu Band 2 fasste er dann seine Intentionen folgendermaßen zusammen: Jcbwollte eine miiglichst ausfohrliche Gelehrten- eine miiglichst ausfohrliche Schriftsteller Geschichte von Hessen von der Reformation bis auf gegenwärtige Zeiten, an den Tag bringen: ich wollte zugleich die vorkommenden genealogischen Umstände dabey mit berühren, auch das Andenken manchen gelehrten und verdienten Mannes in Hessen entweder erneuern oder stiften, ob er gleich eben kein Schriftsteller geworden ist. 52 Strieder war der Überzeugung: Daß ausfohrliche Lebensbeschreibungen allemal interessanter sind, als blosse Nachrichten, die nur allein dem Litterator, aber nicht dem dienen, der Menschen kennen und die mannigfaltigen Gänge ihrer Schicksale unter­ suchen will 53 Strieders Hinwendung auch zwn »Allzwnenschlichen«, die biografi­ schen Um- und Abwege auf die man beim Lesen gerät, und die teils unverblümten Urteile über den Charakter der Berühmrheiten,54 machen die Lektüre der meist gut 49 HGSG {wie Anm. 1), Bd. 2, Vorrede S. 5. 50 Nachlass Strieder (wie Anm. 14), Ms. 215/83. SI HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 16f. - Vgl. auch Nachlass Strieder {wie Anm. 10), Ms. 215/85: Da ich mich zugleich dabey in die genealogischen Umstände, wo es mir nicht erschwert wird, einlasse, indem ich ge­ funden, daß solches seinen sehr guten Nutzen hat [ ... ] Und eben auf diesem Wege wird das Andenken vieler ver­ dienten und gelehrten Männer entweder erneuert oder neu gestiftet werden, ob sie gleich zum Bau des Reichs der Gelehrsamkeit öffentlich und im strengsten Verstande theils nichts beitragen können, weil es die Wichtigkeit oder Beschwerde ihres Diensts far den Staat verhindert, theils nichts beitragen wollen, weil sie ihre Gründe [ ... ] dazu gehabt haben. 52 HGSG {wie Anm. 1), Bd. 2, Vorrede S. 5. 53 HGSG {wie Anm. 1), Bd. 2, Vorrede S. 6. 54 So schreibt Strieder über den (ihm wahrscheinlich persönlich bekannten) berühmten Kasseler Hofme­ dicusJean Ferry (t1780) in HGSG {wie Anm. 1), Bd. 16, S. 173 {Fußnote): Uebrigens ein Mann, häßlich von 116 BRIGITTE PFEIL geschriebenen Artikel auch heute noch reizvoll und wenig langweilig. Seine ausführ­ lichen Hinweise auf die im Druck und Manuskript überlieferten Schriften der behan­ delten Personen sind darüber hinaus wertvolle bibliografische Nachweise heute meist seltener oder verlorener Kleinschriften, die 1941 wohl im Wesentlichen mit dem kom­ pletten Druckbestand der Kasseler Landesbibliothek beim Brand des Fridericianums untergingen. überraschenderweise war Strieders Werk in seiner Zeit aber durchaus kein »Selbst­ läufer« und fand nur ein eher kleines Publikum.55 Auch die steten Mahnungen Strie­ ders an die Pränummeranten, ihren zugesagten finanziellen Beitrag zu leisten, lassen wenig Zweifel an der prekären Finanzierungslage des Projekts. 56 Darüber hinaus hagelte es nach dem Erscheinen der beiden ersten Bände teils heftige Kritik von ver­ schiedenen Seiten an seiner Konzeption, die Strieder in der Vorrede zum dritten Band zu folgendem Stoßseufzer veranlasste: Ist es dies nicht, so ist es das: ist es das nicht, so ist es jenes, das Stoff zum richterlichen Bescheid reichen muß 57 Kritisiert wurde vor allem die Auswahl der in den Artikeln behandelten Personen, verbunden mit Fragen nach Relevanz und Wichtigkeit enthaltener Informationen, aber auch der Umfang einzelner Artikel. Man stellte die Notwendigkeit der Anmerkungen in Frage, warf ihm vor, die Artikel mit unnützen Informationen und Details zu belasten und be­ schuldigte ihn der Partheylichkeit undAnekdotensucht, wogegen Strieder sich ausführ­ lich zur Wehr setzte.58 Insbesondere wies er dabei den Vorwurf der Parteilichkeit in Bezug auf die - in der Tat wenig schmeichelhafte - Lebensbeschreibung des zeitge­ nössischen Theologen Carl Friedrich Bahrdt zurück.59 Doch Friedrich Wilhelm Strieder ließ sich nicht beirren und hielt nicht nur wei­ terhin an seinem Projekt einer Hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte sowie an deren ursprünglicher Konzeption fest, sondern brachte bis 1788 Jahr für Jahr einen neuen Band heraus. Außerdem war er schon seit 1766 als Redakteur der Casselischen Seele und Leib. - Eine Einschätzung, die von einigen über Ferry überlieferten Anekdoten durchaus gestützt wird, vgl. Georg Friedrich ZANTHIER: Erzählungen und Schwänke zur Unterhaltung und zum Zeitver­ treibe, Quedlinburg 1800, S. 378-397. 55 Vgl. auch die Ausführungen von Ludwig Wachler, HGSG (wie Anm. 1), Bd. 16, Vorrede S. 1. - Die no­ minelle Zahl der Pränummeranten und somit der Bezieher des Werkes, wie sie sich aus den Namenslisten und Angaben Strieders über abgegangene und hinzugekommene Pränummeranten in den Vorreden von Bd. 1 bis 8 errechnen lässt, pendelte in dieser Zeit um die 2.00 . 56 Vgl. u. a. HGSG (wie Anm. 1), Bei. 3, Vorrede S. 10, Bd. 7, Vorrede o. S. 57 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 3, S. 3. 58 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 3, S. 6-8. 59 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, S. 2.2.4-2.58. DAS V ERMÄC HTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5 TRIEDER 117 Polizey- und Commerzien-Zei.tung ( CPZ) tätig60 und übernahm 1783 zusätzlich auch die Redaktion und Herausgabe des Kasselischen Staats- und Adresskalenders. 61 Mit dem Amrsantritt des Landgrafen Wilhelm IX. nach dem Tod Landgraf Fried­ richs II. (am 31. Oktober 1785) änderte sich die Lage für Strieder bald grundlegend. Nach der Entlassung des Ersten Bibliothekars Jean Pierre Louis de Luchet, mit dessen Person und Amtsführung er seit 1777 gehadert hatte,62 wurde Strieder im März 1786 vom Sekretär zum Rat und wirklichen Bibliothecarius ernannt.63 Damit lag die prak­ tische Leitung der Bibliothek de facto in seiner Hand, zumal Friedrich Christoph Schmincke,64 der sich unter de Luchets Regiment aus den Bibliothekssachen zurück­ gezogen hatte, weiterhin allein die Zuständigkeit für die Manuskripte, Münzen und Kunstsachen des Museums reklamierte.65 Im Februar 1788 wurde Strieder nicht nur zum Hofrat, sondern auch zum Ersten Bibliothekar des Museums und zum Hof­ Bibliothekar ernannt, wodurch sich sein Aufgabenfeld erneue erweiterte.66 Neben den laufenden Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten in der Museums-Bibliothek, war er nun auch zuständig für die landgräfüchen Sammlungen im Resicfenzschloss und auf dem Weissenstein, wo Bücher, Kupferstiche, militärische Pläne und Karten neu geordnet und systematisch verzeichnet werden mussten.67 Darüber hinaus wurde er vom Landgrafen zunehmend auch zur Verwaltung und Ordnung von Archivalien sowie der Medaillen- und Münzsammlung herangezogen, was ihm Anfang Dezember 1790 die Ernennung zum geheimen Kabinetts-Archivar eintrug, während Schmincke ab April 1791 wieder die Stelle als Erster Bibliothekar in der Museums-Bibliothek besetzte. 68 Ob dieser Vielzahl neuer Aufgaben ist es nicht verwunderlich, dass der zügige Fortgang der Gelehrten-Geschichte deutlich gehemmt war und mehrere Jahre lang kein neuer Band erschien. So klagte Strieder selbst: Daß mir for Arbeiten auf der Bibliothek im Museum wenig, schier gar keine Zeit übrig blieb, ist Leicht zu erachten, besonders da 60 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 4 71. 61 HGSG (wie Anm. ,), Bd. 18, S. 465. 62 Vgl. de Luchets ausführliche Lebensbeschreibung aus der Feder Strieders in HGSG (wie Anm. 1), Bd. 8, S. u 7-157. Ausführlich auch STRIEDER, Beitrag (wie Anm. 16). 63 HGSG (wie Anm. ,), Bd. 18, S. 468. 64 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 13, S. 139-150. 65 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 4 7 2.. 66 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 4 7 1. Er nahm dies zum (willkommenen) Anlass, die Redalttion der CPZ abzugeben. 67 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 4 7 2.. 68 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 473. Strieders Tätigkeiten als Hof-Bibliothekar und Kabinem-Archivar endeten im Juli 1798, vgl. ebd. zu Schmincke auch Hartmut BR0SZINSKI: Ex Bibliotheca Casselana. 400 Jahre Landesbibliothek, Kassel 1980, S. 74 f. 118 BRIGITTE PFEIL ich bei dem Aufenthalte des gnädigsten Herrn auf Weißenstein meistem mit gegenwärtig seyn mußte. 69 Und entschuldigte die lange zeitliche Lücke bis zum Erscheinen des neunten Bandes (1794) mit folgenden Worten: Daß ich mit der Fortsetzung dieses Werks fonf Jahre zurückgeblieben bin, hat nichts anders zum Grunde, als eine ganz eigne Geschäfts-Lage, in der ich mich befinde und in der es nun ausserordentlich erschwerend geworden ist, etwas zu leisten, was zu der weiter erforderlichen Ausfohrung der gegen­ wärtigen Sache gehört. 70 Während sich Strieders Aufgaben in Bibliothek und Verwal­ tung teilweise wandelten,7 1 und er weitere Karriere im Beamtenapparat des nun­ mehrigen Kurfürsten - bis hin zum Geheimen Hofrat 180372 - machte, erschienen zwischen 1794 und 1805 sieben weitere Bände der Gelehrten-Geschichte in etwa zwei­ jährigem Rhythmus. Erst 1812 kam dann nach siebenjähriger Pause der 16. Band heraus, nun allerdings unter der Ägide Ludwig Wachlers. Was war geschehen? Strieders » alte Welt « war vollkommen aus den Fugen geraten: der Kurfürst Ende Oktober 1806 nach Dänemark geflohen, Kassel von napoleonischen Truppen besetzt und 1807 zur Hauptstadt des Königreichs Westphalen erkläre. Noch bevor der neue KönigJeröme im Dezember seinen Einzug in Kassel hielt, hatte Strieder - der das neue Regime vollständig ablehnte - sich komplett in seine vier Wände zurückgezogen und seine Demission eingereicht. Er begründete den Rückzug mit seinem nunmehri­ gen, dem durchlauchtigsten Hause Hessen, meinem Vaterlande, geleisteten 5ojährigen Dienste, und daher entstandenen Invalidität und körperlichen Gebrechen. 73 Nach lan­ gem Warten wurde Ü1m im Juni 1808 endlich der Eintritt in den Ruhestand gestattet. Friedrich Wilhelm Strieder versank in tiefe Depressionen, wie seine Briefe an Adolph Varnhagen, einen seiner treuen Redakteure und Rechercheure, zeigen. Zu dem 14 Jahre jüngeren Pastor und Familienvater hatte sich im Laufe der Jahre ein offensichtlich freundschafi:liches Verhältnis entwickelt. So vertraut Scrieder ihn1 am 18. Januar 1808 an: Zu sehr, mein verehrungswürdiger Lieber Freund! von Traurigkeit 69 HGSG (wie Anm. t), Bd. 18, S. 473. 70 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 9, Vorrede o. S. 7 1 Nach Schminckes Tod am 1. April 1791 wurde Strieder zum Ersten Bibliothekar ernannt, im Juli 1798 sein Tätigkeitsfeld (unter Beibehaltung aller Bezüge und wohl mit seiner Zustimmung) auf die Aufsicht über die Bibliothek im Fridericianum eingeschränkt. Sein Dienstherr Wilhelm lX./1., dem er politisch und per­ sönlich verbunden war, machte ihn im März 1799 zum Mit-Zensor der Leih-Bibliotheken in Kassel und von Januar 1800 bis Februar 1804 zum Zensor der Kasselischen politischen Zeitung, vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 474. 72 Ich bin der erste, der in Hessen diesen Charakter trägt, wie Strieder HGSG (wie Anm. 1), Bel 18, S. 474, mit Stolz vermerkte. 73 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 475. DAS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRJEOER 119 über das allgemeine Elend der Menschheit, von Traurigkeit zunächst über Fürst und Uz­ terland umhüllt [bin ich] [ ... ]. Nur noch vegetire ich gleichsam beynahe seit einem hal­ ben Jahre innerhalb meiner vier Wände und sehe dem Beschlusse der obersten Gewalt entgegen, um [ ... ] den gesuchten Abschied und Pension zu empfangen. 74 Auch mehr als ein Dreivierteljahr später hatte sich seine Seelenlage nicht deutlich gebessert, wie aus dem Brief an Varnhagen vom r. November 1808 hervorgeht: Es ist mit mir, wie mit einem Termometer, der bald steigt, ba/,d fallt. Ba/,d hebt mich Religi,on und Vernunft, um mich unter die Unbegreiflichkeit der gi#tlichen Weltregierung zu beugen; ba/,d sinke ich hin bis zu Thriinen und mein Geist starrt und verliert sich bis, - ich möchte sagen -, zur Verzweiflung über das Alles, was man auf dem Erdboden sieht und hört. [ ... ] - Ich habe keine Worte for mein Seelenleiden! 75 Strieder also litt an den Verhältnissen: Trauer über das so große menschliche Elend - Trauer über Fürsten und Uzterland will mich nicht verlassen! und setzte bis zum Ende der » Franzosenherrschaft « keinen Fuß mehr vor die Tür: Da sitze ich nun in regn.o vegetabili, und halte mich stets in meinen vier Wänden. 76 Rund sieben Jahre verbrachte Strieder während der Jeröme-Zeit in selbstgewähl­ ter Klausur. Und so stellt sich die Frage, unter welchen räumlichen Gegebenheiten er diese zubrachte, d. h. wo sich sein Domizil befand und wie es ausgestattet war? Nach längerer Recherche77 - oder um es mit Strieder zu sagen: Der kleinste Um­ stand, ein Wort, eine Zahl - macht einem bisweilen viele Stunden, Tage, zu schaffen [ .. .]78 - lautet die kurze Antwort: Strieder wohnte, wie auch 1819 noch seine Witwe Wilhelmine Sophie,79 im Haus Carlsstrasse 93 in der Kasseler Oberneustadt.80 Wie 74 Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 2.15/zu 2.9 (18.01.1808). 75 Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 215/zu 30 (01.11.1808). 76 Beide Zitate HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 475. 77 Für seine vielfältige und kollegiale Unterstützung bei der bauhistorischen Recherche danke ich ausdrück­ lich Dr. Christian Presche, Kassel. 78 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 1, Vorrede S. 9. 79 Strieder war seit März 1766 mit der Hofgeismarerin Wilhelmine Sophie, geb. Aschermann, verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos, vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 464: Kinder hat sie mirniegebohren, worüber ich mich zu trösten weiß - Seine Gattin überlebte ihn um fast 10 Jahre und verstarb im Alter von 82 Jahren in der letzten Septemberwoche 182.4, vgl. Helmut THIELE: Einwohner und Familien der Stadt Kassel. Ehe­ schließungen, Geborene, Verstorbene 1731-1839. Verstorbene, N-S (Bd. 12.), Kassel 1986, S. 357 (Hofge­ meinde). 80 Alphabetisches Verzeichniß der Einwohner in der Residenzstadt Cassel, mit Bemerkung ihrer Wohnung, [Kassel 1819], S. 12.9. - Zur Nummerierung der Häuser 1803 vgl. GonhelfWilhelm WEISE: Plan der Kur· hessischen Haupt und Residenzstadt Cassel, [Kassel ] 1803 (Exemplar der UB/LMB Kassel, 35 HP 30: https :// orka. bibliothek.uni-kassel.de/viewer/image/ 154842. 72.64946/ 1/LOG _ 0000/, Stand 10.03.2.02.3). Dasselbe Haus hatte nach Helmut TH1 ELE: Die Einwohner der Stadt Kassel im 18. Jahrhunden. Adressen und soziale Strukturen, Kassel 2.001, S. 417, 1766 die Adresse: Zwehren Thor Straße 12.39. Bei Johann Georg 120 ßllIGITTE PFEIL die meisten der Nachbarhäuser hatte sich das Haus bereits über längere Zeit im Be­ sitz von Angehörigen des Hofpersonals oder deren Erben befunden,81 bevor Strieder es im Frühjahr 1795 erwarb.82 Seit dem Amtsantritt Wilhelms IX. war er durch ver­ schiedene Beförderungen und Gehaltszulagen wohl zu einem gewissen Wohlstand gelangt,83 so dass er den Kaufpreis von mindestens 4.550 Reichstalern aufbringen konnte.84 Gebaut wn 1710 bis 17148s dürfte das Rawnangebot des dreiachsigen Steinbaus mit mindestens zwei Geschossen und ausgebautem Dachgeschoss für den Platzbedarf des Striederschen Haushalts durchaus großzügig bemessen gewesen sein. Zwar liegen uns leider keine direkten Informationen über die räumliche Aufteilung des Gebäudes zu KRUG: Charta von der Ober Neustadt Cassell [ ... ]. Anno 1766 (Exemplar der UB/LMB Kassel, 35 S/208: https :// orka. bibliothek.uni-kassel.de/viewer /image/ 1665 563000834/ 1/LOG _ 0000/, Stand 10.03.2023), lautete 1766 (?) die Adresse: Mittel Straße 60. Später änderte sich die Benennung zu: Obere Carlsstraße Nr. 19. - Zur Besitzgeschichte des Hauses vgl. Alois HOLTMEYER: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Re­ gierungsbezirk Cassel. Kreis Cassel-Stadt: Text, Teil 2, Marburg 1923, S. 719. 81 Vgl. insbesondere K1tuG, Charta (wie Anm. 80). Das Exemplar des HStAM, Karten, P ll 21120, enthält Einträge zu den Bewohnern, vgl. Abbildung bei THIELE, Einwohner {wie Anm. 79), S. 423. Hier ist für 1766 der Hofrat und Hofmedicus Jean Ferry als Besitzer des Hauses nachweisbar. Nach dessen Tod im Ok­ tober 1780, vgl. HGSG {wie Anm. 1), Bd. 16, S. 173, bezog der ebenfalls lange in landgräflichem Dienst stehende Professor Simon Causid, HGSG {wie Anm. 1), Bd. 2, S. 141-147, das Haus mit seiner Familie. Causid starb zwischen 28. August und 3. September 1793, vgl. CPZ 36.1793 (9. September 1793), S. 780. 82 Nach dem Tod Simon Causids boten die Erben das Haus zum Verkauf an, vgl. CPZ 50.1793 (16. Dezem­ ber 1793), S. 1054. - Die Auflösung und der Verkauf des Causidschen Nachlasses zog sich jedoch von Mitte Oktober 1793 bis Ende April 1795, vgl. Verkaufsanzeigen zum Inventar in CPZ 41.1793 (16. Oktober), S. 881, u. ö., sowie in CPZ 15.1795 (13. April), S. 296, u. ö. Am 31. März 1795 wurde das Objekt verkauft, vgl. die Lizitationsanzeige in CPZ 10.1795 (9. März), S. 188, u. ö. - Hierzu passt, dass der Goldschmied Jacques Louis Clement im Mai 1795 in der CPZ mitteilte, dass er in ein eigenes Haus in der Carlsstrasse umgezogen sei, zwischen den Erben des Hrn . Professor Causid, jezt Hrn. Hofrath Strieder und den Erben des Hrn Geheimen-Rath von Appell, vgl. CPZ 19.1795 (11. Mai), S. 363, u. ö. Vgl. hierzu auch den Krugschen Plan von 1766, KRUG, Charta (wie Anm. 79), zu den Besitzern der Häuser Carlsstraße 93-95. 83 Seit 1786 betrug sein jährliches Gehalt 450 Reichstaler und wurde 1788 auf 550 Reichstaler, 1803 auf 600 Reichstaler erhöht, vgl. Wilhelm Ho PF: Die Landesbibliothek Kassel in ihrer geschichtlichen Entwick­ lung, in: DERS. (Hg.), Die Landesbibliothek Kassel 1580-1930, Marburg 1930, S. 55. Mit dem Eintritt in den Ruhestand 1808 wurden seine Bezüge jedoch halbiert, vgl. Nachlass Strieder (wie Anm. 75), Ms. 215/ zu 30: ich habe meine Dimission und lebe nun mit der Hälfte meines vorherigen Einkomens als Pension. - Zum Einkommensniveau und den durchschnittlichen Lebenshaltungskosten im 18. Jh. in Deutschland, vgl. Hel­ mut MÖLLER: Die kleinbürgerliche Familie im 18.Jahrhundert. Verhalten und Gruppenkultur, Berlin 1969, S. 101-108. Für Details zu den Lebenshaltungskosten in Kassel vgl. die CPZ der Zeit, in der wöchentlich Fleisch- u. Bäckenaxe (tlw. auch Bier- und Brandweintaxe) mitgeteilt wurden. Demnach lag zwischen 1800 und 1807 der Preis für I Pfund Rindfleisch zwischen 2 und 3 Albi, für ein Brot von ca. 580 bzw. 68og bei 1 Albus {1 Reichstaler = 32 Albi in Kurhessen). 84 Vgl. die Bekanntmachung zur Lizitation des Hauses am 31. März 1795, in: CPZ 10.1795, S. 188 (9. März) u. ö. - Nimmt man an, dass der Zuschlag beim genannten Preis erfolgte, so entsprach der Kaufpreis etwas mehr als 8 Jahreseinkommen Strieders. 85 Vgl. [Christian PRESCHE): Bilder unserer verlorenen Stadt. Spaziergänge durch die Kasseler lnnenstadt, hg. von den Freunden des Stadtmuseums, Kassel 2013/,.014, S. 49. DAS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRIEDER 'II . . .. _OßEPc Abb. 2.: Ausschnitt aus dem Plan der Kurhessischen Haupt- und Residenzstadt Cassel von Gotthelf Wilhelm Weise, IS03 (UB/ LMB Kassel, 35 HP 30= Carlsstraße 93] 121 Strieders Zeiten vor. Dennoch lässt sich auf Basis der Anzeigen, die 1793 bis 1795 im Zusammenhang mit der Vermietung und dem Verkauf der Häuser Carlsstrasse 93 und dem wohl weitgehend baugleichen Haus Nr. 94 in der Polizey- und Commerzien-Zei­ tung erschienen sind, ein recht klares Bild der räumlichen Gegebenheiten gewinnen. So heißt es 1794 in der Verkaufsanzeige zu Haus Nr. 94: Es besteht aus vier Etagen, hat zwey angebaute Flügel einen kleinen Garten nebst logeablem Gartenhause und ent­ hält folgende Pieren, I) drey Keller [KG]; 2) die untere Etage [EG], vier Stuben, eine Küche, und kleine Speisekammer; 3) die belle Etage, vier Stuben, eine Küche und zwey Kammern [1. OG]; 3) die dritte Etage, vier Stuben, drey Kammern, eine Küche [2. OG]; 5) die oberste Etage, zwey Stuben, eine Kammer, einen Verschlag [3. OG]; 6) ein Boden nebst Rauchkammer [DG]; Das Gartenhaus, zwey Stuben, eine Kammer und kleinen Boden; Auf dem Hofe ist eine Holzkammer, ein l¼schhaus und eine Zaite. Die Stuben sind meist tapeziert, und ist überhaupt alles in dem besten Stande. 86 86 Verkaufsanze ige zu Nr. 94 vgl. CPZ 48.1794 (1. Dezember), S. 973, u. ö. - Demzufolge war die Aufsto­ ckung von Haus Nr. 94 und der Ausbau mit einem Zwerchgiebel bereits vor 1800 durchgeführt, so dass die bisherige Rekonstruktion des Bauzustandes um 1800 zu korrigieren wäre. Vgl. die bildliche Rekon­ struktion des Straßenzuges um 1800 bei Christian PRESCHE: 880 Jahre Baukultur in Kassel. Unter welchen Gesichtspunkten wurde in früheren Epochen geplant, in: Oktogon. Magazin für Bau- und Wohnkultur in Nordhessen 1 (2015), S. 52-66, hier S. 57. 122 BRIGITTE PFEIL IJI/ ·,p; "('// .,,, J.1/ ·q,, ·611 JI,' lf! lt! r l ~ --~ ~ -~ l -~ -~ I lrä% ~ _) "' ~ U'::, l 1 {fj_ ur 6t: fJo. JJ tilJ Abb. 3: Ausschnitt aus der Karte von der Oberneustadt Kassel von Johann Georg Krug, r81flf [UB/ LMB Kassel, 3S S l /208: Grundriss der Gartenanlage] Auch wenn Haus Nr. 93 zu dieser Zeit noch nicht aufgestockt gewesen sein sollte, so bot es doch auch ohnedies auf etwa 250 m2 Wohnfläche (zuzüglich der Keller und Räumllchkeiten in den mehrstöckigen Seitenflügeln)87 reichlich Platz für den kleinen Haushalt Strieders, der aus dem Ehepaar sowie einer Nichte und einer Magd be­ stand:88 im Erdgeschoss dürften sich drei etwa gleichgroße und ein etwas schmalerer Raum sowie in einem der Seitenflügel eine Küche mit Speisekammer, im anderen Waschhaus und Holzplatz befunden haben. Die darüber liegende Etage (mit Seiten- 87 Christian Presche (Mail vom 06.09.2022) errechnete über die Urkatasterkarte von 1837/43 und über die Liegenschaftskarte (UKA) Hessen (über: https://www.geoportal.hessen.de/, Stand I0.03.2023) insgesamt rund 300 m' Nutzfläche für das Haus. Nach Abzug der Flure und des Treppenhauses verbleiben insgesamt rund 2so m' Wohnfläche, bzw. etwas weniger, wenn das Obergeschoss zugleich teilweise als Dachboden genutzt wurde. Hinzu kommen die Nutzflächen in den Anbauten im Hof. 88 Vgl. Nachlass Strieder (wie Anm. 7S), Ms. 21s/zu 30: Frau, Nichte und eine Magd machen meinen Haushalt aus. Bei der Nichte handelte es sich wohl um die noch 1832 unverheiratet in Kassel lebende Sophie Frie­ derike Strieder, vgl. HStAM, Best. 261, Nr. 1404: Zusammen mit Johann Nicolaus Suieder aus Dedesdorf als fideikommissarische Erbin des Geheimen Rats Strieder benannt. Bis 1847 ist sie in den Kasseler Ad­ ressbüchern nachweisbar. Zuletzt im Haus des Hofmetzgermeisters Sänger am Altstädter Marktplatz 371, vgl. Casselsches Adress-Buch für das Jahr 1847, Cassel 1847, S. 254, S. 304. 0AS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRIEDER 123 trakt) bestand aus 3 Stuben, einem mit Wandschränken versehenen Kabinet, alles tape­ ziert, 2 Kammern, Küche. 89 Ob die oberste Etage, wie in Haus Nr. 94, insgesamt vier Stuben, drey Kammern, eine Küche bot,90 muss vorerst offenbleiben. Ebenso ist unklar, ob das Ehepaar die Möglichkeit nutzte, eine der Etagen zu vermieten. Das Gebäude selbst war mit einem dahinter gelegenen großen Hof und Garten, den nöthigen Flügelgebäuden und Stallung, auch einem sehr guten Brunnen und Zaitenwas­ ser [Gebrauchswasser] versehen. 91 Während Hof und Flügelgebäude rund 135 m2 be­ legten, dehnte sich der Garten zu Strieders Zeit auf etwa 2.0 m Tiefe über ungefähr 2.43 m2 aus.92 Rechterhand schloss sich der wohl etwas größere Garten des Nachbar­ hauses, linkerhand die repräsentative Gartenlage (mit zentralem Bassin) eines elfach­ sigen, von Louis du Ry entworfenen, Stadtpalais an.93 Das also war das regnum vegetabile, in das sich Friedrich Wilhelm Strieder seit 1807 zurückgezogen hatte. Wir werden uns »Strieders Reich« allerdings wohl we­ niger als wildromantisch wuchernden, denn als barock-wohlgeordneten Rückzugsort vorzustellen haben. 94 Srrieder näherte sich zu dieser Zeit dem 70. Lebensjahr und war sowohl seelisch als auch körperlich stark angeschlagen. Seine Mobilität dürfte nach zwei schweren Stür­ zen und Brüchen der Hüfte im Februar 1792. und Juni 1805, aus denen ein verkürztes Bein und chronische Schmerzen resultierten, sowie durch seine bereits länger beste­ hende Gicht-Erkrankung stark eingeschränkt gewesen sein.95 Auch dürfte ihn die schwache Resonanz des Publikums auf sein Werk sowie die mühselige Akquise von 89 Vgl. das Vermierungsangebot zu Nr. 93 in CPZ 18.1794 (5. Mai),$. 383, u. ö., und den Grundriss von Nr. 94 bei Alois HOLTMEYER: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. Kreis Cassel­ Stadt: Atlas, Teil 3, Marburg 192.3, Tafel 363. 90 Vgl. die Verkaufsanzeige zu Nr. 94 in CPZ 48.1794 (1. Dezember), S. 973, u. ö. 91 Vgl. die Verkaufsanzeige zu Nr. 93 in CPZ 50.1793 (16. Dezember), S. 1054. 92 Berechnung von Presche auf Basis des Urkatasters {Mail vom 06.09.2.02.2.). 93 Zu beiden Gebäuden vgl. HOLT MEYER, Bau- und Kunstdenkmäler (wie Anm. 79), S. 719f. Umrisse der Ganenanlage von 1766 und 1781 finden sich in den Plänen von KRUG, Charta (wie Anm. 79), und SELIG/ WEISE, vgl. Plan der Fürstlich-Hessischen Residenz und Haupt-Stadt Cassel / aufgenommen und des Herrn Landgrafen Friedrich II HochFürsdichen Durchlaucht unterthänigst zugeeignet von F. W. Selig In­ genieur Lieumant. Gestochen von G. W. Weise Hoff Kupferstecher [o. O.] 1781 {http://tudigit.ulb.tu­ darmstadt.de/show/Sp_Kassel_1781/ooo1/image, Stand 10.03.2023) 94 Zur privaten Gartenkultur um 1800 allgemeiner und überwiegend mit Bezug auf großflächige Gartenan­ lagen Gundula LANG: Bürgerliche Privatgänen in deutschen Landen um 1800. Fallstudien zu Gestalt, Nut­ zung und Bedeutung im Kontext des gesellschaftlichen Umbruchs (Benrather Schriften 3), Worms 2.007. 95 Vgl. HGSG (wie Anm. 1), Bd. 18, S. 467 (Gicht), 473 (1. Sturz), 474 (2.. Sturz). Nach Mitteilung von Pre­ sche (Mail vom 01.09.2.02.2.) dürfte sich der Sturz 1792 der Beschreibung von Baumreihen zufolge vor dem Stadtschloss ereignet haben. Der zweite Sturz fand in der Wilhelms höher Bibliothek statt. 124 BRIGITTE PFEIL Subskribenten zur Deckung der Druckkosten weiter belastet haben.96 Es verwundert daher nicht, dass Strieder die Herausgabe der Schlussbände seiner Gelehrtenge­ schichte nun in jüngere Hände legen wollte. So eröffnete er am 1. November 1808 dem Pastor Varnhagen, dass er entschieden habe, ihn und den Konsistorialrat Wachler in Marburg,97 den er aber noch nicht informiert hatte, zum Beforderer des Schlusses des 1'¼rks, zum Druck, zu bestimmen, wenn ich es nicht noch selbst erleben sollte. 98 Wenige Wochen später scheint Ludwig Wachler das Projekt jedoch ganz an sich und nach Marburg gezogen zu haben. 99 In einem Brief vom 19. Dezember 1808 dankte er Strieder für die Übertragung der Herausgeberschafi: der Gelehrten-Ge­ schichte und teilte diesem mit, dass er mit dem Marburger Druckereibesitzer Johann Konrad Krieger schon die weiteren Konditionen besprochen habe. Als Korrektor des ersten Durchgangs hatte Wachler da bereits den Marburger Professor Johann Melchior Hartmann100 vorgesehen. Statt die Korrekturen nach Kassel zu Strieder zu senden - hält zu lange auf und macht nur Kosten -, wollte er den zweiten Korrek­ turdurchgang selbst übernehmen. 101 Ganz so zügig wie erhofft, ging die Arbeit am sechzehnten Band und dessen Drucklegung aber auch unter Wachlers Ägide, der zudem mit beruflichen und privaten Aufgaben stark belastet war, nicht voran. 102 Obgleich schon im Sommer 181I fertiggestellt (vgl. die Datierung der Vorrede) , erschien Band 16 erst im Jahr 1812. Man darf vermuten, dass dies der prekären Fi­ nanzlage der Unternehmung geschuldet war: um die Kosten zu reduzieren, waren nämlich bereits das Layout komprimiert und die Anmerkungen stark reduziert wor- 96 Vgl. Wachlers Vorrede in HGSG (wie Anm. 1), Bd. 16, S. I: Der Kaltsinn, womit ein 7beil des ehemaligen vaterländischen Publikums ein durch Reichhaltigkeit und Genauigkeit der literärischen Notizen anerkannt aus­ gezeichnetes Werk aufzunehmen schien, und die Unwahrscheinlichkeit, die Beendigung desselben zu erleben, zusammentreffend mit andern Umständen, [ ... ] bestimmten den Verfasser der Heßischen Gelehrtengeschichte [ ... ] auf die fernere Herausgabe dieses Buchs Verzicht zu leisten und mir das zum Abdrucke fertige Manuscript zu einstiger öffentlicher Mittheilung z u übergeben. 97 Zu ihm vgl. Wachler, Johann Friedrich Ludwig, in: Professorenkatalog der Philipps-Universität Marburg, https ://professorenkatalog.online.uni-marburg.de/ de/ pkat/idrec?id=9817 (Stand 0 5.07.2022). 98 Nachlass Strieder (wie Anm. 75), Ms. 215/zu 30. 99 Hierfür spricht auch, dass es sich bei den in seinem Brief an Strieder vom 25. Februar 1809 benannten Zulieferern weiterer biographischer Anikel überwiegend um se ine Marburger Professorenkollegen Blasius Merrem, Leonhard Creuzer und Johann Melchior Hartmann handelte. Außerdem erwähnt wurde ein ge­ wisser Haupt, der sich gerade in Wien befand, vgl. Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 215/52 (25.02.1809). 100 Hartmann,Johann Melchior, in : Professorenkatalog der Philipps-Universität Marburg, https://profes­ sorenkatalog.online.uni-marburg.de/ de/pkat/idrec ?id=104 30 (Stand o 5.07.2022). 101 Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 215/51 (19.12.1808). 102 In seinem Brief an Strieder vom 25. Februar 1809 berichtete er von seinen Bemühungen um einen Lehr­ stuhl und schildene seine schwierige familiäre Situation mit sechs Kindern, kränkelnder Frau und unre ­ gelmäßigen Einkünften, vgl. Nachlass Strieder (wie Anm. 99), Ms. 215/52. DAS VERMÄCHTNIS - FRIEDRICH WILHELM 5TRIEDER 125 den. 103 Dennoch war Wachler offenbar fest entschlossen, das Projekt zu einem Ab­ schluss zu bringen, wie er in der Vorrede zu Band 16 ausführte: Findet dieses Unterneh­ men [ ... ] die nöthige Unterstützung, d. h. werden nur die Druckkosten gedeckt, so soll mit dem Abdrucke des siebenzehnten Bandes, welcher das ganze l#rk schließt, sogleich fortgefahren werden. Er wird etwas stärker als der gegenwärtige werden, und ausser den lezten Namen des Alphabets, Supplemente und ein äusserst vollständiges, auf Anmer­ kungen und Zusätze genau zurückweisendes und dadurch den bequemen Gebrauch des an mannigfaltigen literärischen Notizen so überreichen Werks sehr erleichterndes Register enthalten. 104 Doch es kam anders. Ludwig Wachler wurde am 1. März 1815 auf eigenen Wunsch aus dem kurhessischen Dienst entlassen und wechselte auf einen Lehrstuhl an der Universität in Breslau. 105 Friedrich Wilhelm Strieder kehrte im Januar 1814 im Alter von fast 75 Jahren nach dem Ende der »Franzosenherrschafi:« ins Amt zurück, be­ treute faktisch jedoch nur noch die WilheLnshöher Bibliochek,106 während Johann Ludwig Völkel die Arbeiten im Fridericianum versah. Bereits im darauffolgenden Jahr verstarb Strieder am 13. Oktober 1815 nach einer viertägigen Krankheit, wie aus der Todesanzeige hervorgehc.107 Noch in seinem To­ desjahr (nach Wachlers Wechsel nach Breslau) hatte der sei. Strieder, mißmüthigk über den Kaltsinn seines Vaterlandes, die Besorgung der beiden letzten Bände mir übertragen, so Karl Wilhelm Justi in seiner Vorrede zu Band 17,108 der allerdings erst einige Jahre später (1819) erschien. Der abschließende achtzehnte Band folgte mit großem zeitlichem Abstand im Jahr 1831, obwohl sein Erscheinen bereits in der Vor­ rede zu Band 17 angekündigt worden war. 109 Es waren jedoch nicht allein das ge­ ringe Publikumsinteresse und finanzielle Probleme, die den Fortgang des Projekts gehemmt hatten, und über die Justi berede klagte: Dennoch hatte es das Ansehen, daß 103 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 16, Vorrede S. If. 104 HGSG (wie Anm. 1), Vorrede S. II. 105 Vgl. Marburger Professorenkatalog (wie Anm. 97 ). 106 So schrieb Varnhagen am 3. Januar 1814 an Strieder: Wie herzlich freute ich mich, da mein ältester Sohn in voriger Woche nach seiner Zurückkunft von Cassel mir erzählte, daß er zwar etlichemal in Ihrer Wohnung gewesen sey, aber nicht die Ehre gehabt habe, Sie zu sprechen, weil Sie, wie er gehört, auf Wilhelmshöhe in Ge­ schäften Sr. Kurforst/. DurchL sich befanden haben. Vgl. Nachlass Friedrich Wilhelm Strieder, UB Marburg, Ms. 2.15/41 (03.01.1814). 107 CPZ 83.1815 (18. Oktober), S. 12.76. - Nicht in den Totenlisten für 1815 bei THIELE, Einwohner (wie Anm. 79). 108 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 17, Vorrede S. VI. 109 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 17, Vorrede S. V: Nach Besiegung vielfacher Hindernisse, erscheinen endlich die beiden letzten Bände eines bereits im Jahre 1781 angefangenen Literaturwerkes. 126 BRIGITTE PFEIL dieses verdienstliche Werk unvollendet bleiben würde. Noch am Ende des vorigen Jah­ res hatten nicht mehr als sechzig patriotische Deutsche darauf unterzeichnet, wodurch nicht einmal die Hälfte der Druckkosten gedeckt war. 110 Der Druck der letzten beiden Bände kam letztlich durch die finanzielle Unterstützung Kurfürst Wilhelms I. (t 182.1) zustande.111 Auch der Zustand des Manuskripts zu den letzten Bänden, das Strieder schon 1808 aus der Hand gegeben hatte, ließ offenbar zu wünschen übrig. Wie schon Wach­ ler beim sechzehnten Band beklagte auch Justi die Lückenhaftigkeit des Materials: Viele Artikel fehlten noch, andere mußten ergänzt und berichtigt, noch andere überar­ beitet werden; der vielen kleineren Zusätze und Berichtigungen zu den ersten IO Bänden, wozu Strieder nur wenige Blätter hinterlassen hatte, nicht zu gedenken. 112 Ebenso war Strieders Einschätzung seiner Vorarbeiten zum Register wohl doch etwas zu optimis­ tisch, als er am 1. November 1808 gegenüber Varnhagen äußerte: Was das so nötige und unentbehrliche Register über das Ganze betrifft; so befindet sich solches bereits in jedem Bande meines Hand-Exemplars, das dann nur am Ende zusammengefügt zu werden bedürfte. 113 Justi, der ebenso wie seine Vorgänger auf die Unterstützung und Zuarbeit von weiteren (nicht explizit genannten) Gelehrten und Amtsträgern bauen konnte, hatte für die beiden letzten Bände nicht nur zahlreiche Artikel vervollständigt und außerdem insgesamt dreiundzwanzig Biografien komplett neu erstellt. Darüber hinaus hatte er das von Strieder bis Band 15 geführte Register ergänzt und alles dop­ pelt Korrektur gelesen. Eine Arbeit, die ich nicht sobald wiederholen möchte!, wie er freimütig bekannte.114 Sechzehn Jahre nach Strieders Tod und fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes hatte die Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte somit ihren vorläufigen Abschluss gefunden. Dem hessischen Patrioten Friedrich Wil­ helm Strieder war es dabei gelungen, eine achtbare[.] Reihe Hessischer Gelehrte[ r] und Schriftsteller, aus einem Zeitraume von dreihundert Jahren! zu verewigen, in der fried­ lich [ ... ] Theologen und Krieger, Rechtsgelehrte und Dichter, Aerzte und Geschichtsfor­ scher, Fürsten und Privatleute, Staatsmänner und Schullehrer, Naturforscher, Mathe- 110 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 17, Vorrede S. VI. 111 HGSG ( wie Anm. ,), Bd. 17: Ersr durch die wahrhaft landesvärer/iche und großmüthige Unterstützung Sr. König/. Hoheit Wilhelms!., JG;rjürsten von Hessen, wurde es mir möglich gemacht, die beträchtlichen Druck­ kosten der beiden letzten Bände zu bestreiten, und das Werk zu vollenden. 112 HGSG (wie Anm.,), Bd. 17, S. VII. 113 Nachlass Strieder (wie Anm. 75), Ms. 215/zu 30. 114 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 17, Vorrede S. VII f., Zitat S. VIII. DAS VERMÄC HTNIS - FRIEDRI CH WILHELM 5TRIEOER 127 matiker und Dichterinnen, Lebende und längst Hingeschiedene, neben einander stehen, wie Justi nicht ganz ohne Pathos bemerkte. 115 Mit oftmals spitzer Feder und keineswegs sine ira et studio schuf Strieder ein bio­ grafisches Nachschlagewerk zu Hessen, das den Rezipienten wohl gerade auch wegen seiner genealogischen und thematischen Exkurse, der unverstellten Einblicke in die menschliche Natur und der vielfach deutlich zum Ausdruck gebrachten Sympathie oder Antipathie gegenüber den vorgestellten Charakteren auch noch gut 200 Jahre nach seinem ersten Erscheinen fast immer auch auf amüsante Weise belehrt. überzeugt von seiner Konzeption und in dem festen Bewusstsein, ein überzeit­ liches Werk zum Ruhme seines 'Vatterlandes zu schaffen, war Strieder sich jedoch von Anfang an des letztlich Fragmentarischen seines Projekts bewusst, wie das vorgestellte Motto aus dem vierundsechzigsten Brief Senecas an Lucilius zeigt: Multum adhuc res­ tat operis [ ... ]: »Noch immer bleibt viel zu tun und wird es bleiben, und keinem nach tausend Menschenaltern geborenen Nachfahren wird die Gelegenheit fehlen, immer noch etwas hinzuzutun.« Oder, wie Scrieder es in der Vorrede zum zweiten Band selbst formulierte: l¼r über dieses oder jenes den Kopf schüttelt, weil es eben ihm nicht in sein Fach dient, der überschlägt es; bedenkt, daß Menschen sind, und nach uns kom­ men, von denen der in dieser, der in jener Absicht ein solches Buch, wie das gegenwärtige als ein Repertorium in die Hand nimmt, und dem es nutzbar und angenehm ist, wenn er das findet, was vielleicht jenem unter allem Betracht war. - JiVie vieles aber wird der­ einst darinnen gesucht, und gleichwohl vermisset werden! 116 115 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 17, S. XI. 116 HGSG (wie Anm. 1), Bd. 2., S. 7.